Schädigung des Gehirns
Alter 42
siehe Profil Frau Pfister
Marti (Angehörige, Schwester)
Manchmal schlägt die Hirnblutung aufs Herz
Durch den Stress kann es vorkommen, dass Patienten Probleme mit dem Herzen bekommen. Frau Marti konnte die Symptome gar nicht zuordnen, da sie lange dachten, ihre Schwester habe Covid.
Krankheitserleben
Marti (Angehörige, Schwester)
Das Autofahren war ihrer Schwester immer sehr wichtig
Frau Marti berichtet, dass ihrer Schwester bei einer Polizeikontrolle der Führerschein verlor. Auch wenn ihrer Schwester, eine gelernte Automechanikerin, das Auto immer wichtig war, sieht sie jetzt auch, wieviel Stress ihr das Autofahren bereitete.
Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns
Marti (Angehörige, Schwester)
Frau Marti fühlte sich für ihre Schwester verantwortlich
Frau Marti hatte mit ihrer Schwester bezüglich der Behandlungsvorstellungen eine Meinungsverschiedenheit und entschloss, sich zurückzuziehen.
Auswirkung für Angehörige
Marti (Angehörige, Schwester)
Frau Marti liess sich auf ihre Veranlagung untersuchen
Sowohl ihre Schwester als auch ihre Mutter erlitten eine Schädigung des Gehirns. Der Hinweis, dass auch sie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung der Gehirngefässe hat, beunruhigte sie sehr. Sie entschied sich für eine Untersuchung.
Auswirkung für Angehörige
Marti (Angehörige, Schwester)
Frau Marti hat weniger Angst vor dem Tod
Yoga wurde für Frau Marti eine wichtige Ressource. Hier fand sie einen positiven Umgang mit ihrer Seele und betrachtet heute ihren Körper als ein Geschenk.
Lehre und Strategien
Marti (Angehörige, Schwester)
Ihre Symptome glichen einer Covid-Infektion
Kopfschmerzen, Fieber, Erbrechen - aber der Covid-Test war negativ
Ablauf nach einer akuten Hirnverletzung
Marti (Angehörige, Schwester)
«Bei den Ärzten muss man ja sowieso abgeben und vertrauen»
Frau Marti beschreibt eine «Machtlosigkeit» und das Gefühl der «Ohnmacht». Sie sieht, dass die Überlebenschance nicht mehr in ihren Händen ist. Sie reduziert ihre Handlungsmacht darauf, Ärzt*innen zu vertrauen, dem Geschehen mit «Gelassenheit» zu begegnen und sich auf «Hoffnung» zu stützen.
Ablauf nach einer akuten Hirnverletzung
Marti (Angehörige, Schwester)
Frau Marti sieht, dass sich der Wille im Verlauf der Lebenserfahrung ändern kann
Frau Marti hatte in der Vergangenheit bereits eine ähnliche Krankengeschichte in der Familie, da ihre Mutter früher einen Hirnschlag erlitt. Heute weiss sie, dass sich ihre Mutter danach sehr verändert hat und nun über viele Themen anders denkt als früher.
Entscheidungsfindung
Marti (Angehörige, Schwester)
"Eine Achterbahn der Gefühle"
Im Kontakt mit der Betroffenen merkt Frau Marti, wie verändert ihre Schwester reagiert. Sie sieht, dass ihre Schwester gar nicht mehr sie selbst war, unter Schlafentzug litt und sehr schwankende Gefühle aufwies. Insgesamt reagierte die Betroffene nicht so, wie Frau Marti sie kannte.
Entscheidungsfindung
Marti (Angehörige, Schwester)
Wenn der Wunsch, nach Hause zu gehen grösser ist...
Je grösser der Wunsch ist, wieder nach Hause zu gehen, desto geringer ist die Bereitschaft zur Therapie. Die Gründe nach Hause zu wollen sind vielschichtig. Oft möchten Betroffene einfach ihren alten Gewohnheiten nachgehen.
Entscheidungsfindung
Frau Novak hatte im Alter von 52 Jahren im Herbst 2019 eine Hirnblutung. Während der Arbeit hörte sie plötzlich ein Platzen, verlor die Kontrolle über ihren Körper und die Fähigkeit zu sehen. Da sie von Arbeitskolleg*innen umgeben war, funktionierte die Rettungskette einwandfrei. Nach der Diagnosestellung brachte man sie ins Zentrumsspital, wo das zuständige medizinische Personal sie bereits erwartete. Die Operation (Coiling) erfolgte noch am gleichen Tag. Während des zweiwöchigen Aufenthalts auf der Intensivstation hatte sie starke Kopfschmerzen und erinnert sich an ihre Halluzinationen. Gespräche kann sie nicht mehr vollständig rekonstruieren. In der Rehaklinik baute sie Körper und Geist auf. Das Schockerlebnis hinterliess bei ihr bleibende Spuren, denn Frau Novak’s Alltag war durch ihre Angst geprägt, erneut hospitalisiert werden zu müssen. Als sie in der Rehaklinik war, bekam sie die Nachricht, dass ihre Mutter mit der gleichen Diagnose ins gleiche Spital eingeliefert wurde. Damit war Frau Novak nicht nur selbst von einer Hirnblutung betroffen, sondern zugleich Angehörige. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihnen die familiäre Veranlagung (Disposition) nicht bewusst. Zum Zeitpunkt des Interviews sorgte sich Frau Novak, dass auch ihre Tochter an einem Aneurysma leiden könnten. Ihre Tochter hatte sich noch keiner Untersuchung unterzogen. Frau Novak arbeitete seit 23 Jahren im Büro und verlor aufgrund ihres Krankheitsausfalls nach Ablauf des Kündigungsschutzes ihre Arbeitsstelle . Sie hatte grosses Glück, gleich eine neue Anstellung zu finden, in der sie wieder Vollzeit arbeitet. Sie geniesst es, dass auf ihrer neuen Arbeit niemand ihre Krankengeschichte kennt, da sie während des Arbeitstages nicht darüber sprechen möchte. Frau Novak lebt ihr Leben wieder selbstständig, fährt Auto und fotografiert gerne. Die Lust am Lesen ist ihr durch die Erkrankung verloren gegangen. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie noch in psychologischer Behandlung, da sie Mühe hat, ihre Emotionen zu kontrollieren. Das Interview fand im Juli 2021 bei der Betroffenen zu Hause statt.
Herr Suter hatte im Januar 2020 eine Subarachnoidalblutung. Die Symptome begannen auf dem Betriebsfest, als er gerade im Badezimmer war. Er merkte sofort, dass etwas nicht stimmt, und rief seine Partnerin an. Als der Krankenwagen kam, war er noch ansprechbar, litt aber an einem Hörsturz und musste sich immer wieder übergeben. Er hatte insgesamt einen sehr guten Verlauf, wobei er erst im Rückblick realisierte, wie schlecht es ihm in der akuten Phase ging. Herr Suter war bei dem Ereignis 38 Jahre und arbeitete als Zimmermann. Er lebte zusammen mit seiner Partnerin und seiner Tochter, die bei dem Ereignis 5 war. Ein Jahr nach der Blutung ging es ihm so gut, dass er seinem Traum nachging und sich als Zimmermann selbstständig machte. Die Blutung lehrte ihn, dass das Leben jederzeit zu Ende sein kann. Er nahm seither Alltagsprobleme weniger ernst. Schwierige Situationen meisterte er mit viel Humor und dem Versuch, nicht alles zu hinterfragen. Das Interview fand im Mai 2021 online unter einer sehr schlechten Verbindung statt, weshalb es immer wieder zu Wortunterbrüchen und Verzögerungen kommt.
Im Alter von 53 Jahren hatte Frau Soldo eine Subarachnoidalblutung. Sie lebte mit der Familie ihres Sohnes und verlor bei der Versorgung ihrer Enkelkinder im Oktober 2019 das Bewusstsein. Die Schwiegertochter rief sofort den Nachbarn zur Hilfe und setzte einen Notruf ab. Der Rettungsdienst war sehr schnell da. Da auch die Diagnose einer Hirnblutung sehr schnell feststand, wurde Frau Soldo innerhalb kurzer Zeit ins Zentrumsspital geflogen. Obwohl die Zeit zwischen dem Ereignis und der ersten Operation sehr kurz war, erlitt sie viele Komplikationen. Nach der Operation blutete sie nach und ein Teil des Schädelknochens musste entfernt werden. Am Anfang war sie am ganzen Körper gelähmt. Mit der Zeit lernte sie wieder auf Reize zu reagieren, zog die Arme zurück und konnte auf Aufforderung die Finger bewegen. Nach dem Einsetzen (Reimplantation) des Schädelknochens sammelte sich Blut in ihrem Kopf an und sie wurde erneut operiert. Seit dieser Operation war sie vollständig gelähmt. Zum Zeitpunkt des Interviews mit ihrer Tochter, lebte Frau Soldo schon über einem Jahr im Pflegeheim. Sie war schwerstpflegebedürftig und wurde einmal pro Woche durch den Pflegedienst in einen Rollstuhl mobilisiert. Wie wir aus dem Kontakt mit der Tochter erfahren haben, verstarb Frau Soldo zwei Monate nach dem Interview. Frau Soldo war geschieden, hatte zwei erwachsene Kinder und arbeitete in der Gastronomie. Ihre Muttersprache war bosnisch. In ihrer Freizeit umsorgte sie ihre Familie und kümmerte sich um ihren Garten. Das Interview fand mit der Tochter der Betroffenen statt. An dem Tag vor dem Blutungsereignis brachte die Tochter ihr zweites Kind zur Welt. Die Herausforderung zerriss sie, sich zugleich um zwei Kleinkinder und um die eigene Mutter zu kümmern, die im Koma auf der Intensivstation lag. Auch wenn sie den Willen ihrer Mutter kannte, nicht im Rollstuhl leben zu wollte, setzte sie sich für eine volle Therapie ein. Im Rückblick und unter den Erfahrungen dieser sehr langen Leidensgeschichte, bereut Frau Soldo (Tochter der Betroffenen) medizinische Entscheidungen. Frau Soldo (Tochter der Betroffenen) ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als Fachfrau Betreuung in einer Kindertagesstätte. Sie wurde die Beiständin der Betroffenen, wobei sie sich für jede Entscheidung mit ihrem Bruder absprach. Das Interview fand an zwei Terminen statt, da wir beim ersten technische Probleme hatten. Der zweite Termin fand im August 2021 bei der Tochter zu Hause statt. Da ihre Kinder Besuch hatten, ist es sehr lebendig im Hintergrund.
Herr Gerber (Sohn des Betroffenen) verlor im März 2020 seinen 63-jährigen Vater an einer Hirnblutung. Seine Mutter fand ihren Mann mit einem Krampfanfall im Stall ihres Bauernhofes. Als sie den Rettungswagen riefen, musste Herr Gerber schon länger am Boden gelegen haben. Die Bildgebung des Kopfes deutete auf eine Blutung mit schwersten Hirnschädigungen hin – der Vater zeigte in den Untersuchungen keine Reaktionen. Die Familie entschied sich am fünften Tag, auf lebenserhaltende Massnahmen zu verzichten. Der Vater verstarb nach kurzer Zeit auf der Palliativstation. Herr Gerber (Sohn des Betroffenen) war bei dem Ereignis 35 Jahre. Die Blutung ereignete sich im ersten Lockdown der Corona-Pandemie. Die Gesundheitseinrichtungen sprachen zu dieser Zeit ein Besuchsverbot aus. Zu Entscheidungen am Lebensende durften zwei Angehörige das Spital betreten. Herr Gerber (Sohn) begleitete seine Mutter bei den Spitalbesuchen. Er empfand es als grosse Last, die Entscheidungen ohne Anwesenheit seiner Geschwister zu treffen. Herr Gerber (Sohn des Betroffenen) hat drei Bauernhöfe mit einer grossen Viehzucht. Sein Vater stand ihm bei der täglichen Arbeit zur Seite. Der Tod des Vaters war ein grosser Einschnitt in sein Leben. Das Interview mit Herrn Gerber fand im Juli 2021 online statt.
Im März 2020 hatte Frau Frey im Alter von 61 eine Hirnblutung. Da zu dem Zeitpunkt Covid in allen Schlagzeilen stand, dachte sie, sie hätte den Virus und legte sich wieder ins Bett und schlief mehrere Stunden trotz stärksten Kopfschmerzen. Erst einen Tag später suchte sie telefonisch bei ihrer Hausärztin medizinischen Rat. Die Hausärztin empfahl ihr, den Notfall aufzusuchen, so ging zu Fuss ins Krankenhaus. Sie realisierte Wochen später, wie krank sie gewesen war. Nach einigen Untersuchungen, wie einer Computertomographie, sollte sie ins Zentrumsspital verlegt werden. Zu diesem Zeitpunkt dachte sie noch immer, sie hätte Corona, da sie niemand über den eigentlich Befund aufklärte. Als sie im Zentrumsspital letztendlich über den Befund aufgeklärt wurde, wollte sie sich zuerst keiner Operation unterziehen, da sie Angst vor den Folgen hatte. Erst nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Operateur wurde ihr klar, dass sie ohne Operation in kürzester Zeit versterben könnte. Frau Frey kritisierte, dass sie während des (viel zu lauten) Intensivaufenthalts zu wenig in medizinische Entscheidungen einbezogen wurde, und lehnte die Verlegung in der Rehabilitationsklinik ab. Frau Frey lebt alleine, wurde in den ersten Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt durch ihren Partner betreut und arbeitete dann wieder in ihrem alten Beruf als selbstständige visuelle Gestalterin. Sie fühlt sich vollständig genesen, sieht aber auch, dass sie schnell reizüberflutet ist. Sie gibt an, im Strassenverkehr schnell überfordert zu sein. Das Interview fand im Juli 2021 bei ihr zu Hause statt.
Der dreifache Vater Herr Stupar hatte im April 2020 im Alter von 38 Jahren eine Hirnblutung. Er verlor im Badezimmer das Bewusstsein und wurde von seiner Frau wiederbelebt, die sofort den Rettungswagen rief. Als der Rettungswagen kam, war er wieder bei Bewusstsein, im Glauben, einen Herzinfarkt erlitten zu haben. Als er nach der Bildgebung (CT) die Diagnose einer aneurysmatischen Subarachnoidalblutung erfuhr, wurde er sofort ins Zentrumsspital verlegt. Die Operation (Clipping) erfolgte am nächsten Morgen. Durch Komplikationen und Nebenerkrankungen verlor er während der akuten Krankheitsphase etwa 17 kg Gewicht. Der Genesungsprozess in der Rehaklinik war für ihn ein intensiver Kampf, nicht nur, weil er Körper und Geist wieder aufbauen musste, sondern auch, da er in dem Einzelzimmer unter coronabedingtem Besuchsverbot den Boden unter den Füssen verlor. Herr Stupar arbeitete als Pflegehelfer mit demenzkranken Menschen und machte zusätzlich die Krankenpflegeausbildung. Ausserdem war er im Besitz einer Lizenz für den Personentransport. Zum Zeitpunkt des Interviews war er noch nicht vollständig rehabilitiert. Er hatte einen Jobcoach von der IV und befand sich in der Phase des Arbeitsaufbaus. Neben Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen litt er unter regelmässigen Kopfschmerzen und Sensibilitätsstörungen an den Beinen. Die Lizenz für den Personentransport wurde ihm aufgrund der Diagnose entzogen. Herr Stupar ist Musiker und Hobbyangler. Er beschreibt, wie er den Tod spürte und nun seine Zeit bewusster verbringt. Die Zeit mit seiner Familie liegt ihm besonders am Herzen. Das Interview fand im August 2021 online statt.
Frau Ristova brachte ihren 40 jährigen Mann im Januar 2020 mit stärksten Kopfschmerzen auf die Notfallstation des nächsten Krankenhauses. Die mazedonische Familie spricht nur gebrochen Deutsch und das Ereignis fand an ihrem letzten Urlaubstag statt. Der behandelnde Arzt schickte Herrn Ristova wieder nach Hause, da er nur Verspannungen diagnostizierte. Herr Ristova litt eine Woche unter klassischen Symptomen (starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Bluthochdruck), bis er sein Bewusstsein verlor. Zu dem Zeitpunkt war die Blutung bereits so fortgeschritten, dass sein Leben über mehrere Wochen am seidenen Faden hing. Der Rettungsdienst teilte Frau Ristova mit, dass ihr Mann möglicherweise den Flug ins Zentrumsspital nicht überleben würde. Herr Ristova überlebte die Subarachnoidalblutung, und verbrachte mehrere Wochen auf der Intensivstation, wo er beatmet und komplett überwacht wurde. Er brauchte einen Luftröhrenschnitt (Tracheotomie), bis er wieder selbstständig atmen konnte. Herr Ristova lernte, wieder alle Körperteile zu bewegen, und lebt seit dem Aufenthalt in der Rehaklinik wieder mit seiner Familie zusammen. Herr Ristova kann dennoch nicht in sein altes Leben zurück. Durch die Hirnblutung hat er ausgeprägte neurologische Defizite, die es ihm nicht erlauben in sein gewohntes Arbeitsleben zurückzukehren. Er wünscht sich sehr, wieder auf dem Bau zu arbeiten. Da er aber Handlungen nicht mehr folgerichtig ausführt und einfachen Aufgaben nicht nachkommen kann, wird er täglich in einer geschützten Arbeitswerkstatt begleitet. Er selbst erkennt die Defizite nicht an und fühlt sich ungerecht behandelt, was ein erhöhtes Konfliktpotential birgt. Frau Ristova ist mit der Situation überfordert. Sie hat zusammen mit ihrem Mann zwei Kinder im Alter von acht und 16 (Zeitpunkt Blutungsereignis). Sie bezeichnet ihren Mann als drittes Kind, das sie zusätzlich versorgt. Früher hatte ihr Mann zwei Jobs, half im Haushalt und begleitete die Kinder bei den Hausaufgaben. Zum Zeitpunkt des Interviews stemmte Frau Ristova den Haushalt alleine, sicherte das Familieneinkommen und versorgte die Kinder. Sie beschriebt, wie sehr sie am Ende sei, psychische Unterstützung bräuchte und dringend wieder zu Kräften kommen möchte. Das Interview fand im August 2021 mit der Ehefrau in ihrer gemeinsamen Wohnung statt.
Frau Marti und Frau Pfister sind Schwestern, die mit unterschiedlichen Perspektiven auf Frau Pfister Hirnblutung (März 2020) zurückblicken. Frau Pfister stürzte im Alter von 44 während ihrer Indienreise, wobei die Befunde aus der Computertomographie unauffällig waren. Auf dem Rückflug bekam sie Gefühlsstörungen und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Sie suchte ihren Hausarzt auf, der sie ins nächste Krankenhaus überwies. Auf der Fahrt ins nächste Krankenhaus verlor sie immer wieder das Bewusstsein und erinnert sich auch nicht mehr an die Überweisung ins Zentrumsspital. Für ihre zwei Jahre jüngere Schwester Frau Marti war es ein Schock, als sie von der Diagnose erfuhr. Aufgrund der Corona-Pandemie war es Frau Marti verwehrt, ihre Schwester zu besuchen, so dass sie alle Informationen über das Telefon sammelte. Die Hirnblutung löste bei Frau Pfister zusätzliche Herz- und Lungenprobleme aus. Ausserdem litt sie seit Jahren an einer Polyarthritis, die mit einer Unterdrückung des Immunsystems behandelt wird. Frau Pfister beschreibt die Zeit auf der Intensivstation und der Rehaklinik als sehr belastend, da sie einfach nur nach Hause wollte. Sie konsumierte in ihrer Jugend viele Drogen, schaffte es aber, sich ein selbstständiges Leben aufzubauen und arbeitet als Mechanikerin. Durch die Hirnblutung reduzierte sie in der Zeit der Wiedereingliederung ihre berufliche Tätigkeit, war aber zum Zeitpunkt des Interviews wieder voll berufstätig. Durch die jüngsten Erfahrungen reflektiert Frau Pfister ihr Leben und ist dankbar überlebt zu haben. Sie pflegt seither beruflich und privat einen achtsameren Umgang mit sich selbst, geht viel in die Natur und versucht sich bewusst von Konsumgütern zu distanzieren. Sie sieht aber auch, dass sie nicht mehr so belastbar ist, grenzt sich beruflich immer wieder ab und ihre Denkleistung weist gewisse Defizite auf. Frau Marti erlebte mit ihrer Schwester schon viele Höhen und Tiefen. Es war für sie schwer zu ertragen, ihre Schwester nicht besuchen zu dürfen, die sich in der akuten Phase gegen verschiedene Therapien wehrte. Sie konnte das Ausmass erst begreifen, als sie die Narben der Schwester zum ersten Mal sah. Sie beschreibt, dass ihre Schwester aufgrund der Blutung ein «anderer Mensch» geworden ist, ohne dass sie dieses Phänomen näher beschreiben kann. Sie erlebte einen solchen Wandel bereits bei ihrer Mutter, nachdem diese einen Hirnschlag überlebte und seither anderen Prioritäten im Leben nachgeht. Frau Marti begegnet den Herausforderungen und Ängste mit Yogaübungen und damit verbundenen spirituellen Gedanken. Aufgrund der Blutung ihrer Schwester und des Schlaganfalls ihrer Mutter, liess sich Frau Marti selbst auf ein Aneurysma screenen. Die Untersuchung zeigte, dass sie selbst nicht an einem Aneurysma leidet. Frau Pfister lebt zusammen mit ihrer Katze und ist in einer festen Beziehung. Ihre Schwester Frau Marti ist verheiratet und hat einen Sohn. Beide Interviews fanden im persönlichen Austausch statt: Das Interview mit Frau Marti wurde im August 2021 im Institut für biomedizinischer Ethik und Medizingeschichte (IBME) durchgeführt, das Interview mit Frau Pfister im Januar 2022 bei ihr zu Hause.
© 2000-2021, All Rights Reserved