Frau Novak hatte im Alter von 52 Jahren im Herbst 2019 eine Hirnblutung. Während der Arbeit hörte sie plötzlich ein Platzen, verlor die Kontrolle über ihren Körper und die Fähigkeit zu sehen. Da sie von Arbeitskolleg*innen umgeben war, funktionierte die Rettungskette einwandfrei. Nach der Diagnosestellung brachte man sie ins Zentrumsspital, wo das zuständige medizinische Personal sie bereits erwartete. Die Operation (Coiling) erfolgte noch am gleichen Tag. Während des zweiwöchigen Aufenthalts auf der Intensivstation hatte sie starke Kopfschmerzen und erinnert sich an ihre Halluzinationen. Gespräche kann sie nicht mehr vollständig rekonstruieren. In der Rehaklinik baute sie Körper und Geist auf. Das Schockerlebnis hinterliess bei ihr bleibende Spuren, denn Frau Novak’s Alltag war durch ihre Angst geprägt, erneut hospitalisiert werden zu müssen. Als sie in der Rehaklinik war, bekam sie die Nachricht, dass ihre Mutter mit der gleichen Diagnose ins gleiche Spital eingeliefert wurde. Damit war Frau Novak nicht nur selbst von einer Hirnblutung betroffen, sondern zugleich Angehörige. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihnen die familiäre Veranlagung (Disposition) nicht bewusst. Zum Zeitpunkt des Interviews sorgte sich Frau Novak, dass auch ihre Tochter an einem Aneurysma leiden könnten. Ihre Tochter hatte sich noch keiner Untersuchung unterzogen. Frau Novak arbeitete seit 23 Jahren im Büro und verlor aufgrund ihres Krankheitsausfalls nach Ablauf des Kündigungsschutzes ihre Arbeitsstelle . Sie hatte grosses Glück, gleich eine neue Anstellung zu finden, in der sie wieder Vollzeit arbeitet. Sie geniesst es, dass auf ihrer neuen Arbeit niemand ihre Krankengeschichte kennt, da sie während des Arbeitstages nicht darüber sprechen möchte. Frau Novak lebt ihr Leben wieder selbstständig, fährt Auto und fotografiert gerne. Die Lust am Lesen ist ihr durch die Erkrankung verloren gegangen. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie noch in psychologischer Behandlung, da sie Mühe hat, ihre Emotionen zu kontrollieren. Das Interview fand im Juli 2021 bei der Betroffenen zu Hause statt.
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Frau Novak arbeitete 23 Jahre für den gleichen Arbeitgeber. Aufgrund der Hirnblutung und damit verbundenen Rehabilitation fiel sie für mehrere Monate aus. Nach Ablauf des Kündigungsschutzes kündigte der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis. Frau Novak ist enttäuscht, dass sie keine Chance bekam, sich beruflich wieder zu integrieren. Sie fand schnell eine neue Anstellung.
TRANSKRIPTION
Suter (Betroffener)
Herr Suter machte sich ein Jahr nach dem Blutungsereignis selbstständig
Herr Suter hatte einen gestaffelten Arbeitseinstieg und stieg rückblickend viel zu schnell in die Arbeitswelt ein. Erst mit viel Abstand sieht er, dass er sich mehr Zeit hätte nehmen sollen.
Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns
Frey (Betroffene)
Frau Frey musste nach der Blutung einige Aufträge ablehnen
Frau Frey arbeitet selbstständig als Illustratorin und dachte, sie könne bereits während des Intensivaufenthalts ihre Arbeit fortsetzen. Ihr war schnell klar, wie schwierig es war, einfachen Routineaufgaben nachzukommen und sagte den Auftrag ab. Auch noch Wochen später nahm ihre Arbeit deutlich mehr Zeit als gewöhnlich in Anspruch.
Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns
Frau Novak hatte im Alter von 52 Jahren im Herbst 2019 eine Hirnblutung. Während der Arbeit hörte sie plötzlich ein Platzen, verlor die Kontrolle über ihren Körper und die Fähigkeit zu sehen. Da sie von Arbeitskolleg*innen umgeben war, funktionierte die Rettungskette einwandfrei. Nach der Diagnosestellung brachte man sie ins Zentrumsspital, wo das zuständige medizinische Personal sie bereits erwartete. Die Operation (Coiling) erfolgte noch am gleichen Tag. Während des zweiwöchigen Aufenthalts auf der Intensivstation hatte sie starke Kopfschmerzen und erinnert sich an ihre Halluzinationen. Gespräche kann sie nicht mehr vollständig rekonstruieren. In der Rehaklinik baute sie Körper und Geist auf. Das Schockerlebnis hinterliess bei ihr bleibende Spuren, denn Frau Novak’s Alltag war durch ihre Angst geprägt, erneut hospitalisiert werden zu müssen. Als sie in der Rehaklinik war, bekam sie die Nachricht, dass ihre Mutter mit der gleichen Diagnose ins gleiche Spital eingeliefert wurde. Damit war Frau Novak nicht nur selbst von einer Hirnblutung betroffen, sondern zugleich Angehörige. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihnen die familiäre Veranlagung (Disposition) nicht bewusst. Zum Zeitpunkt des Interviews sorgte sich Frau Novak, dass auch ihre Tochter an einem Aneurysma leiden könnten. Ihre Tochter hatte sich noch keiner Untersuchung unterzogen. Frau Novak arbeitete seit 23 Jahren im Büro und verlor aufgrund ihres Krankheitsausfalls nach Ablauf des Kündigungsschutzes ihre Arbeitsstelle . Sie hatte grosses Glück, gleich eine neue Anstellung zu finden, in der sie wieder Vollzeit arbeitet. Sie geniesst es, dass auf ihrer neuen Arbeit niemand ihre Krankengeschichte kennt, da sie während des Arbeitstages nicht darüber sprechen möchte. Frau Novak lebt ihr Leben wieder selbstständig, fährt Auto und fotografiert gerne. Die Lust am Lesen ist ihr durch die Erkrankung verloren gegangen. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie noch in psychologischer Behandlung, da sie Mühe hat, ihre Emotionen zu kontrollieren. Das Interview fand im Juli 2021 bei der Betroffenen zu Hause statt.
Novak (Betroffene)
«Irgendetwas ist geplatzt»
Frau Novak spürte während der Arbeit ein Platzen in ihrem Kopf und rief ihren Kollegen um Hilfe. Innerhalb kürzester Zeit verlor sie die Kontrolle über ihren Körper.
Krankheitserleben
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Novak traute sich nicht, alleine zu duschen
Frau Novak hatte sehr lange Zeit Angst, dass ihrem Körper wieder etwas passiert. Sie traute sich nur zu duschen, wenn jemand in der Nähe war, der im Notfall helfen konnte.
Krankheitserleben
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
«Dann bin ich auf die Krankenschwester los»
Frau Novak berichtet von Halluzinationen während des Intensivaufenthalts. Sie sah Sachen, die nicht da waren. Dadurch wurde sie dem Personal gegenüber sehr wütend.
Krankheitserleben
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
«Und was, wenn du die Augen nicht mehr auf machst?»
Frau Novak konnte vor Schmerzen nur noch schreien. Sie hatte immer Angst, die Augen zu schliessen, da sie nicht wusste, ob sie jemals wieder aufwacht.
Krankheitserleben
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Die Angst dominiert ihren Alltag
Frau Novak lebt täglich mit der Angst vor einer erneuten Hirnblutung. Trotz daraus resultierender Schlafstörungen hat sie es geschafft, durch den Kontakt mit anderen Menschen und das Etablieren neuer Rituale in ihrem Alltag, Stärke zu finden.
Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Vor der Hirnblutung war Autofahren ihre Lieblingsbeschäftigung
Frau Novak traute sich lange nicht hinter das Steuer. Sie musste nach der Blutung erst wieder Vertrauen in sich gewinnen. Zum Zeitpunkt des Interviews fuhr sie wieder Auto, berichtet aber von den Ängsten, die sie dabei begleiten.
Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Novak verlor ihre Arbeit aufgrund ihrer Krankengeschichte
Frau Novak arbeitete 23 Jahre für den gleichen Arbeitgeber. Aufgrund der Hirnblutung und damit verbundenen Rehabilitation fiel sie für mehrere Monate aus. Nach Ablauf des Kündigungsschutzes kündigte der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis. Frau Novak ist enttäuscht, dass sie keine Chance bekam, sich beruflich wieder zu integrieren. Sie fand schnell eine neue Anstellung.
Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Novak ist froh, dass in ihrem beruflichen Umfeld niemand ihre Krankengeschichte kennt
Frau Novak verschwieg auf ihrem neuen Arbeitsplatz ihre Krankengeschichte. Sie ist dankbar, dass sie einige Stunden am Tag hat, in denen sie nicht auf ihre Gesundheit angesprochen wird.
Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Mutter und Tochter erlitten innerhalb von fünf Wochen ein rupturiertes (geplatztes) Aneurysma
Als Frau Novak in der Rehaklinik war, erfuhr sie, dass ihre Mutter mit der gleichen Diagnose ins Spital geliefert wurde. Sie wünscht sich, dass sich auch ihre Tochter auf ein Aneurysma untersuchen lässt.
Auswirkung für Angehörige
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Durch die Krankheit zeigten sich wahre Freund*innen
Frau Novak wurde durch die Krankheit von Freund*innen im Stich gelassen. Sie machte auch überraschend positive Erfahrungen, denn es waren Menschen für sie da, wo sie es vorher nie geglaubt hätte.
Lehre und Strategien
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Novak war überall verkabelt
Frau Novak berichtet, wie sie durch die ständigen Alarme geweckt wurde.
Ablauf nach einer akuten Hirnverletzung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Novak hatte Mentaltraining
In der Rehabilitationsklinik schulte Frau Novak ihre Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Ausserdem baute sie dort ihre Muskeln wieder auf.
Ablauf nach einer akuten Hirnverletzung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Frey fand die Rehabilitation überflüssig
Frau Frey hatte mit dem behandelnden ärztlichen Team sehr viele Diskussionen, da sie die Verlegung in die Reha-Klinik ablehnte. Sie zog es vor, sich zu Hause mit privaten Ressourcen zu rehabilitieren.
Ablauf nach einer akuten Hirnverletzung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Novak schrie nur noch
Nachdem sie schreiend zusammensackte, bekam sie mit, dass jemand den Notruf auslöste.
Entscheidungsfindung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
"Wahrscheinlich bleiben Schäden"
Als ihre Mutter mit der Hirnblutung eingeliefert wurde, teilten ihr die Ärzt*innen mit, dass die Betroffene voraussichtlich bleibende Beeinträchtigungen ihrer Beweglichkeit haben wird.
Entscheidungsfindung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Frau Novak wollte Leben
Frau Novak führte einen inneren Kampf des Überlebens und versuchte bei Bewusstsein zu bleiben. An Gespräche über ihren Patientinnenwillen kann sie sich nicht erinnern.
Entscheidungsfindung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Unsicherheiten nach der Operation
Es ist üblich, dass die Chirurg*innen nach der Operation mit ihren Patient*innen über den Verlauf des Eingriffs sprechen. Der Interviewausschnitt zeigt, dass Frau Novak mehrere Tage brauchte, um den Grund des Intensivaufenthaltes zu verstehen. Auch die Aussage zu den Untersuchungen weisen sehr viele Unsicherheiten auf, die auf ein eingeschränktes Erinnerungs- und Denkvermögen deuten.
Entscheidungsfindung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
"Sie haben einen Schutzengel gehabt"
Frau Novak wurde sich durch ihre Krankheit bewusst, wie gerne sie lebt. Sie empfindet ihren Krankheitsverlauf als grosses Glück.
Entscheidungsfindung
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Die Bewertung des eigenen Gesundheitszustands erfolgt durch den Vergleich mit anderen Patient*innen
Frau Novak nimmt sich ihre Mutter als Vorbild, um für ihre Gesundheit zu kämpfen. Ihre Mutter litt etwa zeitglich an einer Hirnblutung. Im Vergleich mit anderen Patient*innen wertet sie ihren Krankheitsverlauf auf.
Identität
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Ihr wurde jeden Tag bewusst, wie sich ihr Leben verändert
Frau Novak litt an Ängsten, Schlafstörungen, Durchfall, Haarausfall und einem Vollmondgesicht. Sie verlor das Vertrauen in ihren Körper.
Identität
Schädigung des Gehirns
Novak (Betroffene)
Früher hat sie Bücher "gefressen"
Frau Novak beschreibt einen Wandel in ihrem Leben. Sie war eine Leseratte und kann Büchern jetzt nichts mehr abgewinnen. Da sie kognitiv in der Lage ist, Bücher zu lesen, ist ihr die die Ursache nicht nachvollziehbar. Im gleichen Abschnitt beschreibt sie, dass sie seit der Erkrankung empfindlicher ist. Dieser Absatz ist von langem Schweigen gefolgt. Auch auf Nachfrage ist es ihr nicht möglich, dieses Gefühl in Worten greifbar zu machen.
Identität
Schädigung des Gehirns
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