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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Frau Ristova brachte ihren 40 jährigen Mann im Januar 2020 mit stärksten Kopfschmerzen auf die Notfallstation des nächsten Krankenhauses. Die mazedonische Familie spricht nur gebrochen Deutsch und das Ereignis fand an ihrem letzten Urlaubstag statt. Der behandelnde Arzt schickte Herrn Ristova wieder nach Hause, da er nur Verspannungen diagnostizierte. Herr Ristova litt eine Woche unter klassischen Symptomen (starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Bluthochdruck), bis er sein Bewusstsein verlor. Zu dem Zeitpunkt war die Blutung bereits so fortgeschritten, dass sein Leben über mehrere Wochen am seidenen Faden hing. Der Rettungsdienst teilte Frau Ristova mit, dass ihr Mann möglicherweise den Flug ins Zentrumsspital nicht überleben würde. Herr Ristova überlebte die Subarachnoidalblutung, und verbrachte mehrere Wochen auf der Intensivstation, wo er beatmet und komplett überwacht wurde. Er brauchte einen Luftröhrenschnitt (Tracheotomie), bis er wieder selbstständig atmen konnte. Herr Ristova lernte, wieder alle Körperteile zu bewegen, und lebt seit dem Aufenthalt in der Rehaklinik wieder mit seiner Familie zusammen. Herr Ristova kann dennoch nicht in sein altes Leben zurück. Durch die Hirnblutung hat er ausgeprägte neurologische Defizite, die es ihm nicht erlauben in sein gewohntes Arbeitsleben zurückzukehren. Er wünscht sich sehr, wieder auf dem Bau zu arbeiten. Da er aber Handlungen nicht mehr folgerichtig ausführt und einfachen Aufgaben nicht nachkommen kann, wird er täglich in einer geschützten Arbeitswerkstatt begleitet. Er selbst erkennt die Defizite nicht an und fühlt sich ungerecht behandelt, was ein erhöhtes Konfliktpotential birgt. Frau Ristova ist mit der Situation überfordert. Sie hat zusammen mit ihrem Mann zwei Kinder im Alter von acht und 16 (Zeitpunkt Blutungsereignis). Sie bezeichnet ihren Mann als drittes Kind, das sie zusätzlich versorgt. Früher hatte ihr Mann zwei Jobs, half im Haushalt und begleitete die Kinder bei den Hausaufgaben. Zum Zeitpunkt des Interviews stemmte Frau Ristova den Haushalt alleine, sicherte das Familieneinkommen und versorgte die Kinder. Sie beschriebt, wie sehr sie am Ende sei, psychische Unterstützung bräuchte und dringend wieder zu Kräften kommen möchte. Das Interview fand im August 2021 mit der Ehefrau in ihrer gemeinsamen Wohnung statt.

AUDIO

Herr Ristova ist sehr traurig, dass er nicht mehr auf dem Bau arbeiten darf

Herr Ristova lebt mit schweren kognitiven Einschränkungen und darf zur Verringerung des Blutungsrisikos keine Gewichte heben. Seine Frau ist dankbar, dass er eine Beschäftigung in der geschützten Werkstatt fand, da er daheim depressiv würde.

Video-Interview

TRANSKRIPTION

Ja. Ja. Eben, im März hat er angefangen. Im/ so über SUVA [Unfallversicherung], die haben ihn in ein Projekt geschickt. 50%, und jetzt schafft er ja, fast 100%. Von acht bis um halb fünf. Ja. Er ist, ja jetzt geht es ein bisschen besser, wo er von daheim geht. Weil, gerade, wo er im Mai gekommen ist [aus der Reha], wollte er anfangen zu arbeiten. Zum Arbeitgeber. Und ich habe gesagt, mehr als zehn Kilo darf er nicht lupfen (hochheben). Er schafft auf der Baustelle. Und er ist schon ein bisschen, sowie depressiv gewesen. “Wieso, eben darf ich jetzt nicht schaffen?”, und Arbeitgeber, wirklich der ist auch sehr lieb. Auch vorher haben wir zusammen so Kontakt gehabt und ich habe auch alles mit SUVA [besprochen], dass er einen [Arbeits-]Versuch macht. Das war im nach drei Monaten, wo er raus [aus der Reha] gekommen ist. Er hatte eine Woche. Aber ich habe gemerkt, dass er nicht vorbereitet ist. Ich habe alles gemerkt. Aber er hat einen Versuch gemacht. Eine Woche hat er geschafft und der Arbeitgeber hat auch mit mir telefoniert. Er hat mich angeschaut, eben. Er ist nicht so weit. Mir ist lieber, dass er die Therapie macht, dass er gesund ist, als ja, wenn etwas/ nochmal etwas passiert. Und ja, ich habe das abgebrochen. Und zum Glück, eben nachher haben sie da das Projekt [angeboten]. Ja, jetzt ist ein bisschen viel besser. Weil wenn er auch daheim ist, ist er wie mehr depressiv. Weil er ist ein Mensch, wo immer unter Leute geht und immer etwas [los ist]. Ja. Er ist immer da (zeigt auf die Couch) gesessen, immer so, “nein, keine Arbeit” und eben, bei SUVA haben sie einmal angerufen, er ist beim/ dort gewesen und ich habe nicht fest ab/ eben abgeschlossen. Die haben gesagt, “wahrscheinlich eben, darfst du nicht mehr schaffen, wie eben Baustelle”. Und er ist ja mega traurig gewesen. Wirklich. Hat mich angerufen, wirklich die haben so gesagt, ich habe nicht fest abgeschlossen, aber wahrscheinlich, ja so 80% ist sind die der Meinung. “Nein, wenn ich die Arbeit verliere, dann für mich ist wirklich das Leben!”

Weitere Erfahrungen von Ristova (Angehörige, Ehefrau)

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Frau Ristova brachte ihren 40 jährigen Mann im Januar 2020 mit stärksten Kopfschmerzen auf die Notfallstation des nächsten Krankenhauses. Die mazedonische Familie spricht nur gebrochen Deutsch und das Ereignis fand an ihrem letzten Urlaubstag statt. Der behandelnde Arzt schickte Herrn Ristova wieder nach Hause, da er nur Verspannungen diagnostizierte. Herr Ristova litt eine Woche unter klassischen Symptomen (starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Bluthochdruck), bis er sein Bewusstsein verlor. Zu dem Zeitpunkt war die Blutung bereits so fortgeschritten, dass sein Leben über mehrere Wochen am seidenen Faden hing. Der Rettungsdienst teilte Frau Ristova mit, dass ihr Mann möglicherweise den Flug ins Zentrumsspital nicht überleben würde. Herr Ristova überlebte die Subarachnoidalblutung, und verbrachte mehrere Wochen auf der Intensivstation, wo er beatmet und komplett überwacht wurde. Er brauchte einen Luftröhrenschnitt (Tracheotomie), bis er wieder selbstständig atmen konnte. Herr Ristova lernte, wieder alle Körperteile zu bewegen, und lebt seit dem Aufenthalt in der Rehaklinik wieder mit seiner Familie zusammen. Herr Ristova kann dennoch nicht in sein altes Leben zurück. Durch die Hirnblutung hat er ausgeprägte neurologische Defizite, die es ihm nicht erlauben in sein gewohntes Arbeitsleben zurückzukehren. Er wünscht sich sehr, wieder auf dem Bau zu arbeiten. Da er aber Handlungen nicht mehr folgerichtig ausführt und einfachen Aufgaben nicht nachkommen kann, wird er täglich in einer geschützten Arbeitswerkstatt begleitet. Er selbst erkennt die Defizite nicht an und fühlt sich ungerecht behandelt, was ein erhöhtes Konfliktpotential birgt. Frau Ristova ist mit der Situation überfordert. Sie hat zusammen mit ihrem Mann zwei Kinder im Alter von acht und 16 (Zeitpunkt Blutungsereignis). Sie bezeichnet ihren Mann als drittes Kind, das sie zusätzlich versorgt. Früher hatte ihr Mann zwei Jobs, half im Haushalt und begleitete die Kinder bei den Hausaufgaben. Zum Zeitpunkt des Interviews stemmte Frau Ristova den Haushalt alleine, sicherte das Familieneinkommen und versorgte die Kinder. Sie beschriebt, wie sehr sie am Ende sei, psychische Unterstützung bräuchte und dringend wieder zu Kräften kommen möchte. Das Interview fand im August 2021 mit der Ehefrau in ihrer gemeinsamen Wohnung statt.

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Auf der Notfallstation wurde ihr Mann nicht ernstgenommen

Herr Ristova stellte sich mit stärksten Kopfschmerzen auf der Notfallstation vor und wurde mit der Diagnose «Verspannungen der Nerven» nach Hause geschickt. Er litt eine Woche unter starken Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Übelkeit. Nachdem er bewusstlos zusammenbrach, wurde er mit der Rega ins nächste Zentrumsspital geflogen.

Krankheitserleben

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Herr Ristova hat viele Fähigkeiten verloren

Frau Ristova muss ihren Mann im Alltag unterstützen. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie das Essen sehr sorgfältig vorbereiten muss. Der schulpflichtige Sohn bekommt von seinem Vater keine Unterstützung bei den Hausaufgaben.

Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Herr Ristova ist sehr traurig, dass er nicht mehr auf dem Bau arbeiten darf

Herr Ristova lebt mit schweren kognitiven Einschränkungen und darf zur Verringerung des Blutungsrisikos keine Gewichte heben. Seine Frau ist dankbar, dass er eine Beschäftigung in der geschützten Werkstatt fand, da er daheim depressiv würde.

Herausforderungen nach einer Schädigung des Gehirns

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Frau Ristova macht sich immer wieder Vorwürfe

Als Herr Ristova erste Symptome zeigte, ging er nur widerwillig in den Notfall, wo er wieder weggeschickt wurde. Erst als die Blutung so gross war, dass er sein Bewusstsein verlor, wurde er adäquat behandelt. Frau Ristova macht sich bis heute Vorwürfe, nicht früher auf eine Behandlung bestanden zu haben, auch wenn ihr alle sagen, wie gut sie reagiert habe.

Auswirkung für Angehörige

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

«Papi hat Kopfschmerzen»

Für den Sohn war es schwer zu verstehen, warum das Leben des Vaters am seidenen Faden hing, da er doch «nur» Kopfschmerzen hatte. Auch wenn er mentale Unterstützung in seinem Fussballverein fand, wurde er in der Schule immer schlechter.

Auswirkung für Angehörige

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

«Ich kann nicht alles alleine machen»

Frau Ristova hatte zwei Jobs, kümmerte sich um die Kinder und beteiligte sich am Haushalt. Frau Ristova ist jetzt für alles alleine zuständig und beschreibt, wie belastend ihr Alltag ist.

Auswirkung für Angehörige

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Wahrscheinlich erlitt ihr Ehemann die Hirnblutung aufgrund der familiären Disposition

Der Vater des Betroffenen hatte auch eine Hirnblutung. Jetzt fragt sich Frau Ristova, ob auch ihre Kinder gefährdet sind.

Auswirkung für Angehörige

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Frau Ristova bräuchte mehr Zeit für sich

Frau Ristova ist noch immer auf der Suche nach Strategien, ihren Alltag zu bewältigen. Sie wünschte, sie könnte die Arbeit reduzieren, um wieder Kraft zu tanken.

Lehre und Strategien

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Wahrenehmung/ Krankheitseinsicht: Herr Ristova fühlt sich gesünder als er von seinem Umfeld eingeschätzt wird

Frau Ristova berichtet, dass ihr Mann aufgrund neurologischer Defizite nicht mehr in seinem alten Beruf arbeitet. Das belastet ihn sehr. Er selbst stuft seinen Gesundheitszustand als gut ein. Die Hausärztin und die Beratung der SUVA sehen, dass Herr Ristova weiter genesen muss, bevor er wieder arbeitsfähig ist. Zum Zeitpunkt des Interviews arbeitete er in einer geschützten Werkstatt, um in einem geregelten Tagesrhythmus zu leben.

Ablauf nach einer akuten Hirnverletzung

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

"Nein, sie dürfen die Schläuche nicht wegnehmen"

Der Ehemann von Frau Ristova kam während dem Aufenthalt auf der Intensivstation in ein schweres Delir. Während er versucht, Schläuche zu entfernen und das Spital zu verlassen, bekam er durch das Pflegepersonal Schutzhandschuhe, die ihn in seiner Bewegung einschränkten.

Ablauf nach einer akuten Hirnverletzung

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Herr Ristova wollte nicht ins Krankenhaus

Herr Ristova zögerte, den Notdienst zu kontaktieren. In anderen Interviewstellen erzählt Frau Ristova, dass sie ihn dann doch in die nächste Notaufnahme bringen konnte, wo er mit der Diagnose "Verspannungen" nach Hause geschickt wurde. Er wurde erst hospitalisiert, als er sein Bewusstsein verlor.

Entscheidungsfindung

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Herrn Ristova wurde ein Leben mit sehr vielen Behinderungen prognostiziert

Während der akuten Phase war das Leben von Herrn Ristova akut bedroht. Die Ärzt*innen prognostizierten ein Leben mit vielen körperlichen Einschränkungen. Heute lebt Herr Ristova wieder bei seiner Familie und kann alles bewegen. Seine geistigen Fähigkeiten sind aber eingeschränkt.

Entscheidungsfindung

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Herr Ristova war verwirrt

Herr Ristova war während der akuten Phase im Koma gelegen und brauchte einen Luftröhrenschnitt zur Unterstützung der Atemfunktion. Als er wieder aufwachte, konnte er aufgrund des Schlauchs im Hals nicht sprechen. Tage später merkte seine Frau, wie verwirrt er war. Medizinisches Personal nennt so ein Krankheitsbild ein "Delir".

Entscheidungsfindung

Schädigung des Gehirns

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Ristova (Angehörige, Ehefrau)

Herr Ristova brauchte Schutzhandschuhe

Herr Ristova war in den ersten Wochen nach dem Koma sehr verwirrt und suchte nach Gründen, das Spital zu verlassen. Es kommt vor, dass Patienten versuchen, lebenswichtige Kabel oder Drainagen zu entfernen. Zu ihrem eigenen Schutz bekommen sie Schutzhandschuhe oder werden mit den Händen ans Bett fixiert. Massnahmen zur Fixierung befinden sich im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge. Einerseits ermöglichen sie erst eine Therapie, andererseits verstärken sie den Drang, sich zu befreien und die Therapie abzubrechen. Für Angehörige ist es oft schlimm, ihre Angehörigen in diesem Spannungsfeld zu besuchen.

Entscheidungsfindung

Schädigung des Gehirns

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